Individualpädagogik

Es muss auch mal Schluss sein!
Oder? ...

Shaneka hat im Rahmen einer individualpädagogischen Erziehungshilfe ihren Schulabschluss erworben. Sie lebt heute prima integriert in Spanien.

Es muss auch mal Schluss sein! Strafe statt Hilfe! Lagererziehung und Erziehungscamps statt individueller Förderung! So ähnlich lauten durchaus verbreitete Meinungen, wenn es um die Arbeit mit jungen Menschen geht, die als "schwierig" gelten. Wie stehen Sie zu dieser Frage?

Hier können Sie eine Abhandlung zum Spannungsfeld von Sozial- und Individualpädagogik als PDF herunterladen:  (PDF - 290 KB)

 

Hören Sie hier einen weiteren Beitrag aus der Kampagne des Deutschen Caritasverbandes

Achten statt ächten!

In Ihnen steckt mehr, als wir denken! ... Und sehr oft mehr Vergangenheit, als wir uns vorstellen wollen!

Deshalb sind es wirkliche "Heldengeschichten", wenn junge Menschen trotzdem nicht den Mut sinken lassen und ihr Schicksal in die Hand nehmen.

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Bildungstheoretischer Diskurs  

Reformpädagogik trifft „Second Life“

Hartmut von Hentig zu Besuch bei der Flex-Fernschule

Am 11. Oktober hatten wir hohen Besuch bei Flex. Der Altmeister der Reformpädagogik in Deutschland, Hartmut von Hentig, erwies uns die Ehre. Drei Kollegen erlebten ein intensives 4-stündiges Kolloquium mit einem unglaublich regen, wissbegierigen, kritisch fragenden und äußerst kultivierten Vollblutpädagogen.

Dass der 82-jährige keineswegs im Gestern lebt, bewies er schon mit seiner Feststellung, die Schülerinnen und Schüler bilden über Flex ein „second life“ aus. Damit sprach er die Bedeutung der Distanz in den Beziehungen zwischen den Jugendlichen und ihren Lehrkräften an. Sie ermöglicht den Lernenden, (zunächst) in der Sicherheit ihrer eigenen Welt zu verharren und sich von dort aus an das Wagnis des neuen Lernens heranzuwagen.

Für die jungen Leute fand von Hentig durchaus sehr anerkennende Worte und sprach von Ihnen mit Augenzwinkern von einer „wahren Elite“, weil sie sich der (von ihm bekanntlich stark hinterfragten) Regelschule entziehen und ihren eigenen Weg gehen. Jugendliche benötigten keine Retter, es sollte vielmehr ganz normal sein, sie da zu unterstützen, wo sie Hilfe anfragen. Der Rest komme häufig von selbst.

Allerdings schränkte Hartmut von Hentig mit Besorgnis ein, dass offensichtlich die Zahl von Jugendlichen, die „gar nichts mehr“ wollen, im Wachsen begriffen sei.

Hartmut von Hentig lässt sich am Beispiel des Postversands pädagogische Prinzipien der Arbeit erklären. Warum wird den Schülern so vieles geliefert? Warum besorgen sie es sich nicht selbst?
Thomas Heckner erklärt am Beispiel des
Postversandes pädagogische Prinzipien von Flex

Eine interessante Diskussion ergab sich im Kellerraum, wo wir unser Lehrwerk bevorraten. Das „Pauken für einen Schulabschluss“ widerstrebt nun auch wirklich dem von Hartmut von Hentig vertretenen umfassenden Bildungsverständnis. Dieser Biolernbrief: Zu überladen mit Bildchen, zu niveauarm! Jener Geschichtslernbrief: Wo ist der „Lichtschalter“, der den Jugendlichen die Geschehnisse zum Erleuchten bringt? „Sie lernen es und kotzen es wieder aus.“ Schön und gut – wir verhelfen den jungen Menschen zu einem Schulabschluss und damit zu der begehrten „Eintrittskarte“? Aber was ist mit der Allgemeinbildung, mit Bildung im Sinne von Weltverstehen und Aneignung der Welt?

Gar nicht so einfach, sich da zu behaupten. Aber der „Großmeister“ lässt da nicht locker und verlangt von uns, unsere Bildungstheorie, die er durchaus in der Arbeitsweise erkennt, zu formulieren und sie durch Dokumentation und Evaluation vertretbar und kommunizierbar machen. „Sonst bleibt das bei netten Geschichten von Einzelfällen!“ Das sitzt! Ist mir seither gar nicht mehr aus dem Kopf gegangen! ... Ein Satz aus der Bibel kommt mir in den Sinn: „Wer ist unter euch Menschen, der seinem Sohn, wenn er ihn um Brot bittet, einen Stein geben würde?“ (Matth. 4;9) Ich glaube in der Tat: Die jungen Leute bitten uns um Hilfe, diesen Abschluss zu schaffen. Uns darauf zu beschränken, diese Leistung (im wahrsten Sinne) sehr „entgegenkommend“ zu bringen, ist mit dem Ausdruck großen Respekts verbunden. An dieser Stelle gehen wir nämlich wieder sehr mit Hartmut von Hentig konform, da er im Bildungssystem bemängelt, es würde den jungen Menschen viel zu oft Antworten auf Fragen geben, die sie gar nicht gestellt haben und – ich ergänze – ihnen zugleich Antworten auf ihre drängenden Fragen viel zu oft schuldig bleiben.

Zur Bildungstheorie der Flex-Fernschule gehört das Verständnis, dass Lernen ein höchst subjektiver Vorgang ist, der durch äußere Beeinflussung, zum Beispiel durch Lehren, nur sehr bedingt gesteuert und kontrolliert werden kann. Tatsächlich haben viele Lernende von Flex sich eine Auszeit vom Lernen genommen, wie Hartmut von Hentig sie in seinem jüngsten Werk „Bewährung – von der nützlichen Erfahrung nützlich zu sein“ fordert. Auch wenn die Begleitumstände nicht selten leidvoll sind, haben die jungen Leute in diesen Zeiten immer sehr viel gelernt. Fürs Leben, nicht für die Schule, möchte ich sagen. Zur Bildungstheorie der Flex-Fernschule gehört es, dieses Lernen außerhalb der Institutionen ernst zu nehmen und anzuerkennen.

Unser „bescheidener“ Part ist zunächst, die formale Qualifikation, die dann noch fehlt, zu ergänzen. Dabei ereignet sich freilich viel mehr als „fressen“ und „kotzen“. Denn die Jugendlichen lassen sich auf einen intensiven Prozess der Auseinandersetzung mit sich selbst ein. Wer kennt ihn nicht, den „Weg zur Hölle“, der mit guten Vorsätzen gepflastert ist? Klar will ich … den Abschluss, die Stelle, den neuen Wagen … . Aber wie sieht es aus mit meiner Initiative, mit meiner Motivation? Wie überwinde ich innere Widerstände? Wie schaffe ich es, mir Hilfe zu organisieren, wenn ich nicht weiter komme?

Die Jugendlichen, die mit der Flex-Fernschule lernen, haben alle ein sehr patentes Rezept für die unangenehme Konfrontation von Wunsch und Realität in ihrem Gepäck: Wunsch aufgeben, schon bin ich vom Druck entlastet. Uns Erwachsenen begegnet diese Strategie oft als „Null-Bock-Haltung“. Hier sehe ich die ganz große Bildungsleistung der Flex-Fernschule: Dranbleiben! Dranbleiben! Dranbleiben! „Du schaffst das!“ „Du kannst das!“ „Du hast bereits ganz andere Widerstände erfolgreich gemeistert!“

Deswegen ist es bedeutsam, das große Vorhaben „Schulabschluss“ nicht mit zusätzlichen kleineren oder größeren pädagogischen Zielsetzungen zu befrachten. Zum Beispiel erhalten die Flex-Schüler mit jedem Lernbrief einen Freiumschlag für die Rücksendung. Natürlich kann man den Standpunkt vertreten, Jugendliche müssten lernen, sich ihr Geld einzuteilen, damit es am Freitag-Nachmittag für das Porto des Briefes an die Flex-Fernschule reicht. Aber müssen wir uns anmaßen, dem Jugendlichen aus Anlass seines Wunsches, den Schulabschluss zu erreichen, diese Lektion zu erteilen? Wer gibt seinem Sohn, der nach Brot bittet, einen Stein?

Hartmut von Hentig mit Thomas Heckner und zwei Kollegen im Gespräch. Der zweiundachzigjährige zeigte sich als quicklebendiger Gesprächspartner, der alles ganz genau wissen wollte und selbst keine Antwort schuldig blieb. 
Im konzentrierten Austausch: Hartmut von Hentig,
Thomas Heckner und zwei Kollegen

Der Bildungshunger des 82-jährigen Besuchers selber, der sich als Sammler von Konzepten und Ideen begreift, bleibt allerdings ein Stachel im Fleisch und eine Anfrage an die „Bescheidenheit“ im Bildungsverständnis der Flex-Fernschule. Hartmut von Hentig hatte am Tag vor seinem Besuch bei Flex eine Begegnung mit einer Gruppe ehemaliger Waldorfschüler, die sich im letzten Jahr vor dem Abitur ganz aus der Normalbeschulung ausgeklinkt haben und sich selbstständig auf die Externenprüfung zur Hochschulreife vorbereiten. Natürlich ist das eine andere Liga mit Spielern, deren Voraussetzungen und Möglichkeiten mit denen der Flex-Schüler kaum vergleichbar sind. Und dennoch lassen sich einige Parallelen ziehen. Reformpädagogik im Second Life?

Bildung ist für Hartmut von Hentig gleichzusetzen mit „Befreiung“. Befreiung von der Bestimmtheit durch die Verhältnisse, also Herr werden über die Verhältnisse. Ich glaube, wir meinen dieselbe Medaille, wenn wir auch zwei verschiedenen Seiten im Blick haben!

Hartmut von Hentig fordert, die Lebenswelt in die Schule zu integrieren – die Flex-Fernschule integriert die Schule in die Lebenswelt. Es dem Leben zu überlassen, was für das Leben notwendig sei, ist dem Reformpädagogen jedenfalls näher, als „am gründen Tisch“ zu planen, wie man auf die Lebenswelt vorbereiten kann. Allerdings stellt er klar, dass seine Forderung nach „Entschulung“ keine Kriegserklärung an die Schule beinhalte. Vielmehr gehe es ihm um das Gegenstück zu dem Begriff „Verschulung“. Unsere Gesellschaft sei zu sehr „verschult“. „Es wuchert. Es sind die Mittelsysteme, die über uns herrschen.“

Hartmut von Hentig gibt uns Einblicke in sein sehr umfassendes Verständnis vom Lehrerberuf. Der Trennung von Schulbildung und Sozialpädagogik erteilt er eine klare Absage: Alle Lehrer seien zwangsläufig „Sozialpädagogen“.

Hartmut von Hentig interessiert sich für die Dokumentation der Lernprozesse. Kollege Dirk Pottbecker erklärt ihm am Computer, wie das bei Flex funktioniert. 
Reformpädagogik trifft "Second Life"
Wie organisiert Flex die Lernprozesse?

Scheinbar ohne Ermüdung begleitet „Senator von Hentig“ uns durch alle Stationen unserer Fernschule, lässt sich Dokumentationsroutinen am Computer und Organisationssysteme erklären und findet in allem auch den Ausdruck für - und die Frage nach dem Pädagogischen. Nach vier Stunden rauchen uns gewaltig die Köpfe aber auch das Herz ist voll von Impulsen. Pädagogik vermittelt sich eben von Menschen zu Menschen – das gilt ganz deutlich auch noch im Verhältnis zwischen Erwachsenen unterschiedlicher Generationen. Der Mann, der zusammen mit Richard von Weizsäcker über politische Notwendigkeiten in Deutschland sinniert und im Auftrag unserer Landesregierung als Hauptredner für die Eröffnungsfeier des Stauffenberg-Denkmals antritt, verabschiedet sich – und dabei gäbe es noch so viel auszutauschen! Seine spürbare Sympathie für unsere Arbeit, seine kritischen Anmerkungen und auch die Aufträge, die er uns in die Agenda diktiert hat, haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ja, das werden wir machen! Dokumentieren, evaluieren und unsere Bildungstheorie begründen! Erste Anfänge sind mit Unterstützung der heilpädagogischen Fakultät der Universität zu Köln gemacht. Impulse, wie sie von diesem außergewöhnlichen Besucher ausgingen, würde ich mir häufiger wünschen!

Thomas Heckner

 

Bildungstheorie light: 10 Gründe, warum Flex passt!

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